Die Verhaltensökologie untersucht die evolutionären und ökologischen Grundlagen des Verhaltens von Tieren. Sie befasst sich mit der Frage, wie das Verhalten durch natürliche Selektion geprägt wird, um die Fitness eines Individuums als Funktion des ökologischen Kontexts zu maximieren.
Unsere Forschung zielt darauf ab, die ökologischen und evolutionären Mechanismen zu verstehen, die Vielfalt im Verhalten von Tieren, in Lebensgeschichten, der Morphologie sowie in anderen phänotypischen Merkmalen erzeugen und aufrechterhalten. Wir untersuchen Variation auf mehreren Ebenen: zwischen Arten, zwischen Populationen innerhalb einer Art, zwischen Individuen innerhalb von Populationen sowie – bei wiederholt ausgedrückten Merkmalen wie Verhalten – zwischen einzelnen Ausprägungen innerhalb von Individuen. Zu diesem Zweck analysieren wir verschiedene Formen der Selektion – natürliche, sexuelle und soziale Selektion – unter Verwendung quantitativer genetischer Ansätze. Dies ermöglicht es uns, die Evolution sozialer und nicht-sozialer Merkmale vorherzusagen, die selbst nicht direkt beobachtbar sind, sich jedoch aus beobachteten Variablen ableiten lassen, wie etwa dem durchschnittlichen Verhaltensniveau eines Individuums oder Genotyps (Persönlichkeit) oder der Variabilität von Merkmalen (Vorhersagbarkeit, Plastizität). Darüber hinaus konzentrieren wir uns auf Mechanismen, die die Integration mehrerer variierender Merkmale formen, beispielsweise solche, die zu Pace-of-Life-Syndromen, Tierpersönlichkeiten oder anderen verhaltens- oder morphologischen Strategien führen.
Wir testen aktuelle Hypothesen in der Ökologie und Evolutionsbiologie, insbesondere zur Evolution kryptischer, nicht direkt beobachtbarer Merkmale, die als latente Variablen aus Beobachtungen wie Persönlichkeit, Plastizität und Vorhersagbarkeit geschätzt werden können. Dies erreichen wir durch die Kombination fortgeschrittener quantitativer genetischer, statistischer, simulationsbasierter und experimenteller Methoden. Um unverzerrte Schätzungen latenter Merkmale auf mehreren hierarchischen Ebenen zu erhalten, sind große Stichproben, ein sorgfältiges Studiendesign und komplexe Analysen erforderlich.
Wir entwickeln und nutzen Simulationsmodelle, um aufzuzeigen, welche Kombinationen aus Studiendesign und Stichprobenstrategie für unsere Analysen optimal sind. Zur Datenerhebung führen wir langfristige experimentelle Manipulationen in Populationen verschiedener Arten durch, sowohl im Labor als auch im Freiland. Konkret verwenden wir stammbasierte (pedigree-basierte) Daten aus unseren langfristigen, longitudinalen Experimenten mit höhlenbrütenden Vögeln (Blau- und Kohlmeisen), Insekten (Feldgrillen) und Nesseltieren (Seeanemonen) als Modellsysteme. Diese Daten analysieren wir mithilfe modernster bayesianischer Mehrebenen-Modellierungstechniken (z. B. Errors-in-Variables-Modelle, Kovarianz-Reaktionsnorm-Modelle, Tiermodelle, Strukturgleichungsmodelle). Zusammengenommen ermöglichen uns diese Ansätze eine robuste Prüfung verallgemeinerbarer Theorien zur Evolution von Vielfalt auf mehreren Ebenen.
Réale D, Allegue H, Araya-Ajoy YG, Dochtermann NA, Nakagawa S, Pick JL, Schielzeth H, Westneat DF and Dingemanse NJ (2026) Avoiding misleading estimates of among‐individual variance caused by non‐random sampling of individuals in a changeable environment. Methods in Ecology and Evolution. https://doi.org/10.1111/2041-210x.70202.
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