Die Leaky Pipeline in den Wissenschaften
Jedes Jahr begrüßen wir ca. 300-400 Erstsemestler*innen am Biocampus, wovon sich jeweils gut zwei Drittel als weiblich identifizieren. Auf der anderen Seite der akademischen Laufbahn, den Professorinnen und Professoren, sieht das Bild anders aus: Im Moment (Stand 2026) sind an der Fakultät für Biologie 36 Professuren von Männern besetzt, nur 9 von Frauen. Das Phänomen der Verschiebung der Geschlechterverhältnisse über die akademische Laufbahn hinweg zugunsten der Männer ist weit verbreitet in allen Wissenschaften [1,2] und bekannt als “leaky pipeline”. Der Begriff soll implizieren, dass durch unser aktuelles, unparitätisches Wissenschaftssystem eine Menge Talent und Potential verloren geht. Je höher die Vergütungsstufe, desto schwieriger haben Frauen es meistens, an die angestrebte Position zu kommen.
An der LMU und auch an unserer Fakultät gibt es daher schon seit geraumer Zeit Bemühungen, die “leaky pipeline” auszubessern und auf faire Behandlung z.B. in Interviews und Berufungsverfahren zu achten. Leider hat dies LMU-weit nur zu einer geringfügigen Verbesserung geführt, an unserer Fakultät wurde bezüglich der Neuberufungen in den letzten Jahren sogar ein Rückschritt gemacht.
Wir von der Fachschaft sind davon überzeugt, dass das Problem viele Ursachen und genausoviele Lösungen hat. Eine der Ursachen ist aber sicherlich die strukturelle Benachteiligung von Frauen bzw. FLINTA*-Personen (also Frauen inklusive aller Personen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität von Marginalisierung betroffen sind [3]; in diesem Text in der Schreibweise Frauen* mit Stern mitgemeint) in unserer patriarchal geprägten Gesellschaft. Wir treten daher ein für eine besondere Förderung von Frauen* schon von Studienbeginn an; solche Förderung kann beispielsweise aus dem Ausgleich struktureller Ungleichheiten bestehen.
Pilotprojekt: Frauen*tutorien an der Fakultät für Biologie
Ausgehend von einer gemeinsamen Initiative der Fachschaft und der Frauenbeauftragten der Fakultät sollen ab diesem Wintersemester (WS26/27) im Bachelor Biologie zum ersten Mal Frauen*tutorien angeboten werden. Die Idee fußt auf der Beobachtung, dass Männer in Kleingruppentutorien einen überpropotional großen Redeanteil haben, obwohl die Frauen* meist in der Mehrzahl sind1 [4, 5]. Zusätzlich sind die Tutor*innen häufig überwiegend männlich, wobei das von Modul zu Modul variieren kann. Beide Punkte führen vermutlich zu oder verstärken ein schon vorhandenes Ungleichgewicht zwischen gefühlter und tatsächlicher Kompetenz zwischen den Geschlechtern – ein Bild, das sich u.a. stark auf Entscheidungen im Karriereweg auswirken kann.
Die Frauen*tutorien sollen dem entgegenwirken, indem sie einen safe space für Frauen* bieten, in welchem die Hürde für aktive Teilnahme gesenkt ist und die Teilnehmer*innen Selbstvertrauen in ihrer fachlichen Kompetenz gewinnen sollen. Die Tutorien sollen dementsprechend im besten Fall von einer Frau* geleitet werden und nur von Frauen* besucht werden dürfen.
Im WS26/27 sind die Frauen*tutorien als freiwilliges Zusatzangebot in den Modulen Molekularbiologie (1. FS) und Computer (3. FS) geplant. Studierende können freiwillig zwischen den herkömmlichen Tutorien und (falls sie eine Frau* sind) den ein bis zwei angebotenen Frauen*tutorien wählen.
Langfristiges Ziel des Projekts
Das Pilotprojekt im WS26/27 soll dazu dienen, das Konzept der reinen Frauen*tutorien auszuprobieren, Teilnahmestatistiken zu erheben und Evaluationen der Studierenden selber einzuholen. Sollte das Konzept gut aufgenommen werden, könnte in folgenden Semestern angestrebt werden, auch in anderen Kursen des Bachelor Biologie sowie der Masterprogramme Frauen*tutorien anzubieten sowie den Blick über die Fakultät hinaus zu weiten. Die Frauen*tutorien sind letztendlich gedacht als ein Beitrag zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft und sollen den Wandel bestehender, nicht mehr zeitgemäßer Strukturen anregen.
1Uns ist wichtig zu betonen, dass unserer Ansicht nach den Männern an der Fakultät hier kein unfaires Verhalten oder böser Wille zu unterstellen ist, sondern dass sich hier auch gesellschaftliche Muster in Erziehung und Sozialisierung widerspiegeln.
[2] https://www.gwk-bonn.de/fileadmin/Redaktion/Dokumente/Papers/Heft94_Gleichstellungsmonitor2025.pdf
[3] https://en.wikipedia.org/wiki/FLINTA
[4] Karpowitz, Christopher F., Tali Mendelberg, and Lee Shaker. "Gender inequality in deliberative participation." American Political Science Review 106.3 (2012): 533-547.
[5] Carter, Alecia J., et al. "Women’s visibility in academic seminars: Women ask fewer questions than men." PloS one 13.9 (2018): e0202743.